Gewinner der Slow Cheese Awards werden heute verkündet

Slow Food feiert Hirt*innen und Käser*innen, die respektvoll mit Natur und Tieren umgehen  von Italien über die Ukraine bis nach Nordmazedonien

Vor kurzem fiel in der norditalienischen Stadt Bra zum 14. Mal der Startschuss für die Cheese, die weltweit größte Veranstaltung für Rohmilch, natürlichen Käse und handwerklich hergestellte Milchprodukte. Eröffnet wurde die Veranstaltung, die von Slow Food und der Stadt Bra organisiert wird, von Francesco Lollobrigida, italienischem Minister für Landwirtschaft, Ernährungssouveränität und Forstwirtschaft, Alberto Cirio, Präsident der Region Piemont, Gianni Fogliato, Bürgermeister der Stadt Bra, Barbara Nappini, Präsidentin von Slow Food Italien sowie Carlo Petrini, Gründer von Slow Food.

Bis Montag, 18. September, kommen zu diesem Anlass wieder Hirt*innen, Käseerzeuger*innen und Käseliebhaber zusammen. Mit dem Thema der diesjährigen Ausgabe — Der Geschmack der Weiden — soll zum Ausdruck gebracht werden, wie wichtig Rohmilcherzeugnisse von Tieren aus Weidehaltung für nachhaltige Lebensmittelsysteme sind.

Im Laufe der Zeremonie werden zum 8. Mal in Folge die Slow Cheese Awards verliehen. Damit werden Schäfer und Käser ausgezeichnet, die bei ihrer Arbeit respektvoll mit den Tieren umgehen, sowie besonders naturverbunden und traditionsbewusst arbeiten. Die Leidenschaft und Hingabe, mit der sie bei ihren Produkten nach Qualität streben, stellen  die Grundlage für den Erhalt eines außergewöhnliches Erbes an traditionellen Fertigkeiten und Landschaften dar. Es sind Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, die trotz der harten Arbeit, der Risiken und der Abgeschiedenheit nicht aufgeben. Die Preisträger wurden ausgewählt, weil sie sich nicht nur durch die Herstellung von natürlichem Rohmilchkäse, sondern vor allem durch eine faire und tierfreundliche Landwirtschaft auszeichnen.

Die Gewinner der diesjährigen Slow Cheese Awards sind:

David Nedelkovski  – Nordmazedonien

David ist zwar erst knapp über 30 Jahre alt, verließ aber bereits vor über zehn Jahren Skopje und zog in das kleine Dorf Rastak zu Füßen der Karadak-Berge, wo er gemeinsam mit seiner Familie den Bauernhof Kozi Mleko Planina gründete. Dort züchtet David Berg- und Hausziegen aus dem Balkan und nennt sich selbst einen „Kosaken” oder „freien Mann”.

David stellt verschiedene Käsesorten her, frisch oder gereift, alle hart oder halbhart. Gemeinsam mit seinen Nachbarn rief er einige wichtige Projekte zur Wiederaufwertung des Lebensraums in den Bergen und seiner Artenvielfalt ins Leben. Als er und seine Familie beschlossen, in die Berge zu ziehen, wollten sie eigentlich nur Milch und Käse produzieren und dann wieder in die Stadt zurückkehren, aber das Leben in der Natur eroberte ihre Herzen. „Ich fahre immer seltener nach Skopje. Ich liebe das Leben hier, umgeben von meiner Familie und meinen Tieren.“ Für die Zukunft hat er noch viel vor. In erster Linie möchte er die Menschen für die Bedeutung von Rohmilchprodukten und Tierschutz sowie für die Beziehung zwischen Landwirten und Tierärzten sensibilisieren.  Aber oberste Priorität hat für ihn, dass „die Ziegen glücklich sind.“

Tetyana Stramnova – Ukraine

Tetyana Stramnova begann ihre Karriere als Innenarchitektin in Donetsk. Als sie ihr erstes Kind bekam, eröffnete sie jedoch einen Bauernhof und begann, Wachteln zu züchten. Mit dem Einmarsch der Russen mussten sie und ihre Familie die Region verlassen und kamen schließlich nach Muzikyvka in die Region Kherson. Dort versuchten sie, die Geflügelzucht wieder aufzunehmen, was allerdings nicht gelang. „Meine Kinder fühlten sich in Muzikyvka vom ersten Moment an zu Hause. Deshalb haben wir entschieden, hier zu bleiben.“ Dort beschloss Tetyana, etwas Neues zu probieren: Sie züchtete Ziegen, lernte, wie man Käse herstellt und gründete die Ziegenfarm Amalthea, benannt nach ihrer ersten Ziege. Sie begann, Ausflüge für behinderte Kinder zu organisieren und setzte sich für den Schutz der lokalen ukrainischen Kurzohrziege ein. Am Vorabend der Invasion durch Russland wies ihr der Dorfrat ein Grundstück für den Bau einer Käserei zu. Das Geld für das Gebäude und die Ausrüstung musste sie selbst aufbringen. In all diesen Monaten versuchte sie, das, was sie aufgebaut hatte, vor den Russen zu schützen. Nach der Evakuierung von Muzikyvka fängt sie fast wieder bei Null an. „Meine Kinder haben eine Autismus-Spektrum-Störung. Die Lehrer haben mir gesagt, dass sie Fortschritte gemacht haben, dass sie selbstbewusster und positiver geworden sind. Aus diesem Grund habe ich beschlossen, Aktivitäten zu organisieren und eine Methodik für den Unterricht von Kindern mit Autismus zu entwickeln.“ Und das alles, während sie und ihre Familie versuchen, ihr Land und ihr Leben gegen die ständigen Angriffe zu verteidigen und kontinuierlich unter Angst und Stress leben.

„Mein Hauptantrieb sind meine Kinder. Ich muss ihnen etwas hinterlassen, deshalb habe ich immer wieder neu angefangen. Wir wollen alles wieder in Ordnung bringen. Wir müssen nach vorne schauen und unser Leben fortführen.“

Giampaolo Gaiarin – Italien

Als Dozent für Lebensmitteltechnologie gibt Giampaolo sein Wissen an junge Menschen weiter und fördert ein genaues Bild von Käse: den Rohmilchkäse. Für ihn ist die Käseherstellung aus Rohmilch ohne Zugabe von ausgewählten Fermenten die respektvollste und authentischste Art der Käseherstellung, denn nur so kann man die Aromen und Besonderheiten jeder Milch, jedes Stalls und jeder Weide wiedergeben. Er erklärt sein Konzept nicht nur im Klassenzimmer, sondern versucht Tag für Tag aufs Neue zu zeigen, dass es möglich ist, natürlichen Käse herzustellen. Dazu führt er gemeinsam mit den Erzeugern Versuche durch und hilft interessierten Käsern, von gekauften Fermenten auf veredelte Milch umzusteigen. Zu diesem Zweck erfand er sogar einen kleinen Fermentierer für zu Hause, um ihnen die Arbeit zu erleichtern. Sein ganzes Leben lang stellte er seine Erfahrung und sein Wissen in den Dienst des Naturkäses: aus Rohmilch, ohne Zusatz von ausgewählten Fermenten, an der Seite der kleinen Erzeuger, in Italien und der ganzen Welt, sowie durch die Ausbildung von Generationen von Nachwuchskäser*innen.

Marco Villa – Italien

Als Tierarzt gelang es ihm, eine Gemeinschaft von Viehhaltern aufzubauen, junge Menschen zu motivieren und einer schwierigen, von Landflucht bedrohten Bergregion in Ligurien eine neue Chance zu geben. Dank seiner Leidenschaft und seiner Fähigkeit, mit anderen zu teilen, setzte er sich für die Rettung und den Schutz der Cabannina-Rasse ein, eines Slow Food Presidios, das heute im Zentrum einer großen kollektiven und solidarischen Aufwertungsarbeit steht.  Die Rasse wurde im Aveto-Tal, einem von der Entvölkerung bedrohten schwierigen Berggebiet zwischen der Metropole Genua und der Provinz Piacenza, wieder eingeführt. Sie entwickelte sich zum Symbol dafür, dass eine alte Rasse, die für die moderne Viehzucht ungeeignet scheint, weil sie weniger produktiv ist als die kommerziellen Rassen, in Wirklichkeit ein Schlüsselelement sein kann, um dem Hochland neue Perspektiven zu eröffnen. Sie stellt eine Hoffnung für die Züchter dar, die mit Respekt und im Einklang mit der Natur arbeiten wollen.

Ekaterina Prichodko und Eros Scarafoni – Ukraine/Italien

Ekaterina Prichodko, Käserin und Tierärztin, besaß vor dem Krieg einen kleinen Bauernhof in der Region Buča bei Kiew, wo sie Ziegen züchtete und Käse herstellte. Im Zuge der Bombardierungen beschloss sie, mit ihren drei Kindern, drei Hunden und einer Katze das Land zu verlassen. In Pisa lernte sie Eros Scarafoni kennen, einen Landwirt und Käser aus den südlichen Marken, der sich sofort bereit erklärte, sie aufzunehmen und in seinen Betrieb zu integrieren. Aus ihrer Zusammenarbeit entstanden zwei neue Käsesorten. Zusammen sind sie ein Beispiel für Solidarität, Zusammenarbeit, Liebe zum Land, zu den Tieren und zu qualitativ hochwertigem Käse. Vor allem aber bezeugt ihre Geschichte, dass Brüderlichkeit dabei helfen kann, die Tragödie des Krieges zu überwinden und Hoffnung für die Zukunft zu bieten.

Filiberto und Leonardo Vaira – Italien

Seit 2016 führen Filiberto und Leonardo Vaira einen landwirtschaftlichen Betrieb, der eine große Vielfalt an Produkten herstellt. Von Mai bis Oktober widmen sich Filiberto und Leonardo den Hochweiden, auf denen die Kühe der Braunviehrasse zwischen 1.400 und 2.000 Metern Höhe weiden, aber auch der Dauerhaltung von Schweinen und Ziegen sowie der Obst- und Bienenzucht.

Mit ihrer Milchwirtschaft stellen sie exquisite Almprodukte wie den Padotra her, einen großen, fettreichen Alpkäse aus Rohmilch der originalen Braunviehrasse, aber auch köstliche Ziegen-Frischkäse, frischen Ricotta und Butter. Sie zeichnen sich durch ihr Engagement, ihre Leidenschaft und die Liebe zu ihrem Land aus. Sie haben sich entschieden, das alte Handwerk der Käseherstellung im Vogna-Tal auszuüben, inmitten von unberührten Bergweiden, Hochebenen voller Kräuter und Blumen, Wäldern, Seen und sauberen Bächen.

Michele Totaro – Italien

Michele Totaro ist ein junger Züchter und Käser, der in Apulien lebt und arbeitet, wo seine Familie seit vier Generationen Podolica-Rinder züchtet.  Michele kennt seine Tiere genau, kümmert sich um sie, bringt sie auf die Weide und verarbeitet ihre Milch: „Ich bin zum Hirten geboren.” Podolica ist eine in freier Wildbahn gezüchtete Rasse. Sie liefert schmackhaftes, gesundes und mineralstoffreiches Fleisch und aus ihrer Milch werden Caciocavallo- und Ricotta-Käse mit einzigartigem Geschmack hergestellt. Wegen einiger weniger „moderner” Eigenschaften wie geringerer Milchleistung und zäherem Fleisch wird sie heute immer seltener. Viele Züchter haben begonnen, sie mit kommerzielleren Rassen zu kreuzen. Mit der Rasse droht aber auch die jahrhundertealte Geschichte der Wandertierhaltung und des Austauschs, des gegenseitigen Gebens und Nehmens zwischen Mensch und Natur, verloren zu gehen. Doch Michele schwimmt gegen den Strom: Mit Anfang zwanzig beschloss er, seinen eigenen Betrieb U’ Sculer zu gründen, auf dem er heute rund fünfzig Podolica-Rinder hält. In den sozialen Medien erzählt er, wie alle seine Altersgenossen, von seiner großen Leidenschaft. Zwischen Selfies mit den Kühen, Liveschaltungen von Cacio- und Transhumanz-Festivals hat er immer ein Lächeln auf dem Gesicht. Es zeugt von der Freude, etwas Gutes für seine Region zu tun: „Wir müssen zu unseren Wurzeln zurückkehren, uns auf unsere Geschichte besinnen und die einheimischen Rassen fördern.“

Vito Canio Abbate – Italien

Vito Canio Abbate ist ein Züchter und Milchviehhalter aus der Basilicata, der sich nach dem Studium der Tierproduktionstechnologie ganz der Arbeit auf dem Bauernhof widmete, wo er entgegen dem damaligen Trend zur Einführung ausländischer Rassen mit der Züchtung von heimischen Tieren begann. Er reagierte damit auf den drastischen Rückgang der lukanischen Grauziege, einer Rasse, die einst im Potentino-Gebiet weit verbreitet war. Die Zucht dieser Rasse ist schwierig, da sie in Randgebieten wie Wäldern und Baumweiden weidet und sich von Pflanzen und Sträuchern ernährt. Dank seiner Bemühungen wurde ein Zuchtbuch erstellt, das dazu beiträgt, die Zahl der gezüchteten Tiere wieder zu erhöhen. Neben der lukanischen Grauziege hält Canio Podolica-Kühe, aus deren Milch er Cacioricotta und Caciocavallo Podolico produziert, sowie Schafe und Ziegen. Aus dem Fleisch der lukanischen schwarzen Schweine stellt er Wurstwaren her. Obwohl er noch sehr jung ist, ist er in kurzer Zeit zu einer wichtigen Bezugsfigur für die Wiederbelebung der lokalen Rassen geworden. Als unermüdlicher und verantwortungsbewusster Züchter und Käser stehen Arbeit und Familie im Mittelpunkt seines Lebens: „Ich bin geprägt von meiner Familie. Mein Ziel ist es, mittelfristig das zu erhalten, was meine Eltern aufgebaut haben. Langfristig träume ich davon, eines Tages aufzuhören und auf dem Hof, in der Natur, bei meinen Tieren zu bleiben.“

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Die Cheese 2023 wird von Slow Food und der Stadt Bra organisiert, mit Unterstützung der Region Piemont und zahlreicher Partner, die an das Projekt glauben, angefangen bei den Hauptpartern BBBell, BPER Banca, Confartigianato Cuneo, eViso, Parmigiano Reggiano, Pastificio Di Martino, Quality Beer Academy und Reale Mutua. Sachpartner sind Liebherr, Bormioli Luigi und Bormioli Rocco, sowie Acqua S. Bernardo. Green Partner sind Palm Green Pallet, Pool Pack und Ricrea. Gebietspartner: Baratti&Milano und Pepino. Medienpartner ist TabUi. Die Veranstaltung wird ermöglicht dank der Beiträge von den Stiftungen Fondazione CRC und Fondazione CRT, dem Fremdenverkehrsamt ATL Langhe Monferrato Roero, der Handelskammer Cuneo sowie Ascom Bra. Kulturpartner ist das Zentralinstitut für Immaterielles Kulturerbe.

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