Slow Food startet die Kampagne Keine GVOs in unseren Supermärkten!

Einige Argumente für die Kampagne von Slow Food und Partnerorganisationen in Großbritannien gegen GVOs

‘Man stelle sich eine Zauberschere vor, mit der man natürliche Lebensmittel „verbessern” kann. Damit könnte man alle unschönen Dinge einfach wegschneiden und den Lebensmitteln tolle neue Eigenschaften verleihen:  höhere Erträge, besseren Nährwert, usw. Theoretisch haben wir so eine Zauberscheren-Technologie: die Gen- oder Genom-Editierung.[1]’ So lautet eine kurze aber wirkungsvolle Beschreibung der Verheißungen der neuen Gentechnik.

Angesichts der Tatsache, dass die ältere Generation von GVOs allerdings keine dieser Versprechungen einhielt, setzen die Lobbys, die die wirtschaftlichen Interessen der Agrarindustrie vertreten, jetzt in verstärktem Maß auf die neue Technologie der Genom-Editierung. Sie argumentieren, dass es sich dabei um eine ‚leichte‘ Form von Genmanipulation handelt, ähnlich der genetischen Selektion, die seit Jahrhunderten von Landwirten durchgeführt wird. Aber Genom-Editierung (von der Industrie auch gerne als „Neue Züchtungsmethoden” bezeichnet), die durch Verfahren wie das Schneiden und Verändern von Erbgut erzielt wird, muss laut Urteil des Europäischen Gerichtshofs von 2018 genauso wie andere GVOs behandelt werden, da bisher nicht nachgewiesen ist, ob die neuen GVOs ein Risiko für die Landwirtschaft, die Umwelt und die Biodiversität darstellen.

Es ist bedenklich, dass neue GVOs als Weg zu einer nachhaltigen Landwirtschaft dargestellt werden. Neue (und alte) GVOs sind völlig unvereinbar mit Agrarökologie und Agrarbiodiversität. Forderungen danach kommen meist von den Landwirten, die weiterhin auf den Anbau von Monokulturen setzen und Techniken verweigern, die die Resilienz von Böden und ländlichen Gebieten verbessern würden.  GVOs sind die Extremform eines landwirtschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Systems, das die Macht zunehmend in den Händen Weniger konzentriert, was nicht nur den Großkonzernen zu Gute kommt, sondern sowohl den ländlichen Gemeinschaften und Verbrauchern als auch der Umwelt und der Biodiversität schadet. Nutzpflanzen, die unter Einsatz neuer Techniken zur Genmanipulation angebaut werden, müssen auch weiterhin wie GVOs reguliert werden (z.B. Sicherheitsbewertung und -zulassung vor dem Inverkehrbringen, Rückverfolgbarkeit und Kennzeichnung, die Verbrauchern und Landwirten erlauben, sich für den Kauf und die Produktion von GVO-freien Lebensmitteln zu entscheiden.[2]

Der Versuch, Deregulierung in Großbritannien zu etablieren

Der Versuch, eine Deregulierung alter und neuer GVOs zu erzielen, ist aktuell in Großbritannien zu beobachten, wo die Regierung am 07. Januar eine Online-Anhörung startete, bei der die Bürger bis zum 17. März 2021 ihre Meinung zu diesem Thema äußern können. Je nach Ergebnis könnte das DEFRA (Ministerium für Umwelt, Ernährung und Angelegenheiten des ländlichen Raums, das in Großbritannien für Umweltschutz, Lebensmittelherstellung und -standards, Landwirtschaft, Fischereiwesen und ländliche Gemeinschaften zuständig ist) die Gesetzgebung ändern, um die in England geltende Definition von GVOs umzuschreiben. Derzeit ist Großbritannien noch an die gleichen strengen Rechtsvorschriften für gentechnisch veränderte Pflanzen und Lebensmittel gebunden wie die EU.

Aus Sicht des DEFRA sollten Organismen, die durch Genom-Editierung oder andere Gentechnologien hergestellt werden, rechtlich nicht als GVOs behandelt werden, wenn diese den natürlichen Mutageneseprozess nachbilden.

Es ist bemerkenswert, wie hartnäckig Regierungen und Lobbys der Agrarindustrie weiterhin den mehrfach bewiesenen Willen der Menschen in Frage stellen, gentechnisch veränderte Lebensmittel von ihren Esstischen und Feldern fernzuhalten. Das Europäische Parlament sprach sich kürzlich – zum 50. Mal seit 2015 – mit einer großen Mehrheit gegen den Import von fünf neuen GVOs aus. Der Austritt aus der EU bietet Großbritannien die Möglichkeit, sich über die Implikationen des Umgangs mit diesem Thema zu beraten.[3]

Für DEFRA ist es anscheinend nicht ausreichend, dass eine Umfrage von Food Standards Scotland 2020 ergab, dass gentechnisch veränderte Lebensmittel neben chloriertem Geflügel für 57% der Konsumenten ein wichtiges Thema sind; oder dass eine weitere 2020 vom National Centre for Social Research durchgeführte Studie, bei der es überwiegend um Themen rund um den Brexit ging, das Ergebnis lieferte, dass 59% der Befragten ein Verbot gentechnisch veränderter Nutzpflanzen beibehalten möchten; und auch bei einer 2021 vom britischen Economic and Social Research Council durchgeführten Umfrage kam heraus, dass 64% der Befragten sich gegen den Anbau gentechnisch veränderter Lebensmittel aussprachen. Auch wenn es darin nicht schwerpunktmäßig um GVOs ging, so zeigte eine kürzlich von Unchecked UK durchgeführte Befragung von so genannten „Red Wall”-Wechselwählern, von denen die meisten Brexit-Befürworter waren, einen starken Widerstand gegen die Abschwächung der Lebensmittelgesetze, die als Verrat an ihrem Brexit-Votum gesehen werden würde.

Sobald die Regierung ihre Anhörung startete, rief die Zivilgesellschaft in Großbritannien zur Mobilisierung auf. Aktivisten argumentierten, dass über 20 Jahre Erfahrung mit gentechnisch veränderten Nutzpflanzen gezeigt haben, dass die Gentechnik keine ihrer Verheißungen einhält: sie bringt eben nicht höhere Erträge, ermöglicht keine Anpassung des Saatguts und der Sorten an den Klimawandel und verringert auch nicht den Einsatz von Pestiziden. In diesem letzten Fall hat sie die Lage sogar verschlimmert.

Kampagne Keine GVOs in unseren Supermärkten: eine an Supermärkte gerichtete Kampagne

Slow Food Großbritannien und Beyond GM haben eine Kampagne bei den großen Supermärkten gestartet, um sie dazu zu bringen, Position gegen GVOs zu beziehen und damit zu beweisen, dass sie die Wünsche der Mehrheit ihrer Kunden respektieren. Seit nicht gekennzeichnete GVOs in der EU gesetzeswidrig sind, verstärkt die Deregulierung außerdem die Probleme der Händler nach dem Brexit mit den doppelten Vorschriften in ihren nordirischen Geschäften. Darüber hinaus könnte es extrem schwierig werden, auszuschließen, dass gentechnisch veränderte Produkte ohne Kennzeichnung ihren Weg in die Regale der EU finden. Die EU selbst steht ja unter dem Druck vieler GV-Befürworter und politischer Entscheidungsträger, diese Technologien zu deregulieren.[4]

Führende Persönlichkeiten aus der Studentenbewegung und aus Bereichen wie Ernährung, Landwirtschaft, Religion, Wirtschaft, demokratische Reformen und Wissenschaft haben britische Supermärkte[5] in einem Brief dazu aufgefordert, keine Lebensmittel mehr zu führen, die aus deregulierten und nicht gekennzeichneten Genom-editierten Pflanzen und Tieren hergestellt wurden. Die 50 Unterzeichner dieses gemeinsamen Briefes, darunter die Soil Association, das Bündnis der Landarbeiter, Studenten für Nachhaltigkeit, Tim Lang, Mitglied der „Green Christians“ und emeritierter Professor für Ernährungspolitik an der City University, bilden ein breites Spektrum unterschiedlicher Interessen und Spezialisierungen ab. Sie repräsentieren die Bedenken von Millionen Unterstützern und Mitgliedern in ganz Großbritannien.

An diesem Punkt kam letzten Dienstag die britische Regierung durch den britischen Landwirtschafts- und Umweltminister George Eustice aus der Deckung, indem sie der Nachrichtenagentur Reuters mitteilte, dass „Gen-Editing eine Schlüsselrolle im britischen Zuckerrübensektor spielen könnte“ und ihre Unterstützung für eine Lockerung der Vorschriften bekräftigte. An dieser Stelle könnte man sagen, dass „der König nackt ist“, denn eine öffentliche Konsultation ist keine öffentliche Konsultation, wenn eine Entscheidung bereits getroffen wurde.

Die Aktivisten setzen diesen Kampf fort, auch wenn es ein ungleicher Kampf gegen riesige Interessen zu sein scheint.

Aus diesem Grund unterstützt Slow Food ihr Anliegen und fordert alle Menschen auf, sich in den sozialen Netzwerken unter dem Hashtag #NotInMySupermarket zu Wort zu melden.

Die britischen Supermärkte haben gute Gründe, Position zu beziehen. Hoffen wir, dass sie es laut und deutlich tun!

 

Für weitere Informationen
Pat Thomas, Vorsitzender Beyond GM
Email: [email protected]
Webseiten: https://beyond-gm.org und https://abiggerconversation.org
Shane Holland, Vorsitzender Slow Food UK
E-Mail: [email protected]
Webseite: https://slowfood.org.uk

 

[1] Johanna Blythman, The Herald
[2] https://old.slowfood.com/wp-content/uploads/2021/02/F2F_Bio_Strat_Report-1.pdf
[3] https://consult.defra.gov.uk/agri-food-chain-directorate/the-regulation-of-genetic-technologies/
[4] https://old.slowfood.com/how-is-slow-food-keeping-gmos-out-of-europe/
[5] https://www.slowfood.org.uk/ge/

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